DAS sind die wichtigsten Eigenschaften im Zusammenleben mit Hund … und natürlich auch im “Training” und für einen Hundetrainer / eine Hundetrainerin.
Wie schon so oft geschrieben und gesagt: für mich ist der Perspektivenwechsel das Um und Auf.
Es gibt in der Hundetrainings-Bubble gerade Videos, die ich mir nicht mal ganz anschauen kann, weil schon alleine in den ersten ein, zwei Minuten “Empfehlungen” eines “Trainers” darin vorkommen, die mir Bauchschmerzen verursachen.
Da hört man dann zB, dass Hunde mit einem Trauma (sprachlich in Anführungszeichen) einfach mal eine G’scheite auf den Kopf brauchen und die sollen sich z’sammreißen.
Unter’m Strich heißt diese Anleitung für mich:
- Wir nehmen bitteschön das Problem des Hundes nicht ernst.
- Wir kümmern uns auch nicht darum, was die Ursache für ein Verhalten ist.
- Wir lösen ein Problemverhalten durch weitere Schmerzreize und zusätzliche Angst.
Natürlich ist das alles lt. Tierschutzgesetz verboten, aber noch viel wichtiger ist es für mich: wie würde ich mich fühlen, wenn man so mit mir umgeht? Wie würde ich reagieren? Wie würde ich mich verhalten?
Und genau das ist der Perspektivenwechsel, von dem ich immer spreche!
Ich schreib jetzt mal eine kleine Geschichte und du darfst dich hineinfühlen- erfunden, aber mit Inputs aus dem echten Leben:
Bei dir zu Hause wurde eingebrochen. Du bist gestern am Abend nach Hause gekommen, hattest deinen jungen Hunden dabei und gleich beim Reinkommen war irgendwas komisch. Du hast Geräusche (Schritte?) im Nebenzimmer gehört und bist – geistesgegenwärtig – gleich wieder aus deiner Wohnung geflüchtet. Die Polizei hat den Einbruch aufgenommen und außer einem kaputten Fenster und ein paar Golddukaten (die von der Erstkommunion … die du damals von der Mizzi-Tant’ bekommen hast), ist nichts passiert. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Einbrecher (vermutlich – sagt die Polizei – eine Bande) gleich noch einmal kommt, ist sehr, sehr gering. Das sagt dein Kopf. Dein Gefühl ist aber ein ganz anderes. Du hast Angst: beim Weggehen, beim Heimkommen, wenn’s finster ist. Du traust dich auch, deinen Hund alleine zu Hause zu lassen – wer weiß, was dem passieret wäre.
Im Normalfall erhältst du dann Unterstützung von deinem Umfeld: die Freundin, die bei dir übernachtet, Telefonate während dem Heimkommen, Verständnis, dass du dich gerade sehr unsicher fühlst (das fällt übrigens bei den schwierigen Hunden ja schon mal weg). Wenn du alleine damit nicht in absehbarer Zeit aufgleich kommst, suchst du dir professionelle Hilfe.
Die professionelle Hilfe (in unserem Beispiel eine psychologisch geschulte Person) geht aber gar nicht auf dich ein. Diese “Hilfe” erklärt dir, dass das ja alles Blödsinn ist und du dich jetzt mal zusammenreißen musst. Es ist ja nichts passiert und dein Trauma bildest du dir ein, das gibt’s gar nicht. In der zweiten Sitzung – wenn du darauf bestehst, dass du wirklich ein Problem hast, bekommst du als Rückmeldung “a feste Watsch’n” und solltest du dich dann vielleicht noch mehr aufregen, wirst du bei den Schultern genommen und richtig fest durchgeschüttelt. Solltest du gar auf die Idee kommen und dich gegen die Aggression wehren, wird’s noch einmal schlimmer und das ganze geht so lange, bis du dich in dich zurückziehst und aufgibst – nicht, weil dein ursprüngliches Problem gelöst ist, sondern weil du Angst vor noch schlimmeren Schmerzen und Verletzungen hast.
Wie geht’s dir mit dieser Geschichte?
Kannst du dir vorstellen, dass du nach diesem Erlebnis glücklich, gesund und psychisch stabil leben kannst?
Wird es dir gelingen, zur “professionellen Hilfe” und anderen Menschen echtes Vertrauen oder gar eine tiefe Bindung aufzubauen?
Ich denke nicht!
Die professionelle Hilfe sind wir Hundetrainer*innen.
Ich kann und muss die Situation einer Hundehalterin / eines Hundehalters verstehen und mich in diese Person hineinversetzen können … Überforderung und unangemessenes Verhalten gegenüber dem Hund eingeschlossen.
Aber wenn ich es schon nicht schaffe, die Perspektive des Hundes einzunehmen und zu erfühlen, wie es ihm geht, wie sollte mir das dann für beide – Mensch und Hund – gelingen.
Und das ist es, was wirklich zählt: Eine Strategie zu entwickeln, mit der dieser spezielle Mensch mit diesem speziellen Hund zusammenwachsen und ein glückliches Leben führen kann.
Zugegeben: es wird Fälle geben, wo genau das nicht möglich ist … weil die beiden gar nicht zueinander passen, weil zu viel Negatives vorgefallen ist, weil ein Vertrauensaufbau nicht mehr möglich ist, weil einer der beiden das nicht leisten kann, was notwendig wäre. Das zu erkennen und weiterhin zu unterstützen, gehört aber auch zum Job.
Halte bitte die Augen offen – Gewalt (egal in welcher Form und wen sie betrifft) muss in unserer Gesellschaft inakzeptabel werden!

